Montag, März 19, 2007

Nicht nur für Oberamts- und Staatsanwälte ...

„5. Autoritäten und Zitate
Wir Juristen sind autoritätsgläubige Leute. Wenn ein Landstreicher einen Satz formuliert wie „Die Gerechtigkeit ist unfassbar", so bedeutet das uns nichts. Wenn aber eine Autorität verkündet: „Die Gerechtigkeit ist unfassbar", so sind wir beeindruckt. Wie schon Ludwig Thoma bemerkt hat, ist es eben ein Unterschied, ob im Wirtshaus ein Bauer mit 40 Kühen im Stall eine wohlerwogene politische Meinungsäußerung von sich gibt, oder ob einer mit drei Ziegen dumm daherredet.



Es gibt folgende Autoritäten: Die herrschende Meinung, die überwiegende Meinung, die ganz herrschende Meinung, die ganz überwiegende Meinung und die allgemeine Meinung. Dagegen ist die Mindermeinung keine Autorität, weil sie, wie der Name sagt, minder ist. Ferner gibt es lebende und tote Autoritäten. Die letzten sind beliebt, weil sie sich nicht mehr wehren können. Größere Wirkung erzielt man freilich mit lebenden Autoritäten, die sich zwar theoretisch wehren können, dies meist aber praktisch nicht tun, was dann vom Publikum für Zustimmung gehalten wird.

Vor allem in Diskussionen kann man dies praktizieren. Jede Diskussionsrunde hat ihren Ehrenpräsidenten, einen meist schon angejahrten, verdienstvollen Herrn mit einem unwiderstehlichen Drang zu gelegentlichen Schlummerpausen. Man braucht eine solche nur abzupassen und kann sich zu Wort melden: „Wie unser verehrter Ehrenpräsident schon so richtig gesagt hat, vertrete auch ich die Meinung, dass die Gerechtigkeit unfaßbar ist.“ Der verehrte Ehrenpräsident hört seinen Namen, schreckt auf und lächelt wohlwollend in die Runde. Er weiß nicht, wer gesprochen hat und worum es geht. Aber alle werden glauben, der Diskussionsredner habe genau seine Meinung wiedergegeben, denn sonst hätte die so ungeniert in Anspruch genommene Autorität doch protestiert. (Und schon ist eine neue herrschende Meinung zur Gerechtigkeit entstanden.)
Beim schriftlichen Umgang mit Autoritäten gelten folgende Regeln: Man zitiere nur, was man gelesen hat! Man zitiere nur, was man verstanden hat! Man zitiere nur was passt! Man verständige das Opfer, damit es sich wehren kann! Keine dieser Regeln ist jemals eingehalten worden. (Das hat mit der juristischen Literaturproduktion zu tun, die bei der Einhaltung dieser Regeln zum Erliegen kommen müßte.“
HAFT, Fritjof: Einführung in das juristische Lernen, 2. Auflage, 1983 (also vor der Rechtschreibreform!), Bielefeld, S. 159f

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